Wie glücklich ist ein Mensch? Man kann ihn fragen. Oder beobachten, wie oft er lächelt. Was aber, wenn beide Methoden völlig unterschiedliche Antworten liefern?

Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden und Beobachtungen zum Lächeln aus Dutzenden Forschungsquellen zusammengetragen. Die daraus entstandene Rangliste wich deutlich vom bekannten World Happiness Report ab.

In der Fernsehserie Lie to Me erkannte Dr. Cal Lightman, wenn die Worte eines Menschen nicht zu seinem Gesichtsausdruck passten. Die Figur ist erfunden. Ihr wissenschaftliches Vorbild war der Psychologe Paul Ekman [1], einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet des emotionalen Ausdrucks. Wir wollten diesen Blick nicht auf einzelne Menschen, sondern auf ganze Länder richten.

Im World Happiness Report 2026 steht Finnland auf Platz eins. In unserem experimentellen Index des beobachteten Lächelns liegt Finnland dagegen auf Platz 114 von 125 Ländern und Gebieten. Ägypten liegt auf Platz eins, doch dieser Wert beruht lediglich auf zwei Gruppen von Forschungsmaterialien. Daraus folgt keineswegs, dass Menschen in Ägypten glücklicher sind als in Finnland. Warum fallen die Ergebnisse trotzdem so unterschiedlich aus?

Wir begannen mit einer Annahme: Wie häufig Menschen spontan lächeln, ist der wichtigste unmittelbar beobachtbare Hinweis auf erlebtes Glück. Um diese Annahme für ganze Länder zu prüfen, bräuchten wir vergleichbare Beobachtungen. Davon gibt es bislang äußerst wenige. Dennoch wollten wir sehen, was die vorhandenen Studien über das Lächeln hergeben.

Ekmans Lächeln: Kann man Glück sehen?

1990 untersuchten Paul Ekman, Richard Davidson und Wallace Friesen den Gesichtsausdruck von Menschen, die emotional bewegende Videoaufnahmen betrachteten. Besonderes Augenmerk galt dem Duchenne-Lächeln: Dabei sind nicht nur die Muskeln um den Mund beteiligt, sondern auch jene um die Augen. Je länger ein solches Lächeln anhielt, desto glücklicher schätzten sich die Teilnehmenden ein (Korrelation r = 0,59). Noch stärker war der Zusammenhang damit, wie amüsiert sich die Teilnehmenden fühlten (r = 0,70).

Beobachtet man Menschen lange genug und in vergleichbaren Situationen, kann die Häufigkeit bestimmter Formen des Lächelns einen Teil ihres emotionalen Erlebens widerspiegeln. Ein untrügliches Zeichen für Aufrichtigkeit ist ein Lächeln damit allerdings nicht: Man kann ein Lächeln bewusst aufsetzen, und selbst glückliche Menschen lächeln nicht ununterbrochen. Gardiner und Kollegen [2] fanden später deutlich schwächere Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit des Lächelns und der allgemeinen Einschätzung des eigenen Glücks (r = 0,18 und 0,26 in zwei unterschiedlichen Kontexten).

405.000 Videos: der Versuch, Glück zu beobachten

Im Dezember 2025 überprüften Forschende von Google Research eine einfache Idee: Warum sich allein auf Befragungen verlassen, wenn man beobachten kann, wie Menschen lächeln? Sie analysierten 405 448 kurze Videoaufnahmen von 233 Freiwilligen. Nach dem Entsperren des Smartphones zeichnete dessen Kamera das Gesicht auf, während die Person das Gerät wie gewohnt benutzte. Ein neuronales Netz erfasste die Intensität des Lächelns.

Das Ergebnis war bemerkenswert. Montags lächelten die Teilnehmenden am schwächsten, sonntags am stärksten. Dieser Wochenrhythmus entsprach nahezu den Schwankungen des Glücksempfindens, die eine unabhängige US-amerikanische Umfrage erfasst hatte. Die Korrelation betrug r = 0,92. Zwei sehr unterschiedliche Beobachtungsverfahren, Gesichtsausdruck und Antworten auf Fragen, zeichneten damit ein erstaunlich ähnliches Bild [3].

Überein stimmten die Durchschnittswerte für die sieben Wochentage. Daraus lässt sich nicht das Glück einer bestimmten Person ablesen. Die Studie zeigte dennoch: Emotionales Verhalten lässt sich im Alltag untersuchen, ohne Menschen nach ihren Gefühlen zu fragen. Könnte man auf diese Weise auch ganze Länder anhand ihres Lächelns vergleichen? Die 405.000 Videos stammten allerdings von nur 233 Freiwilligen. Für einen internationalen Vergleich mussten wir deshalb ganz andere Quellen suchen.

SOSI: ein weltweiter Lächel-Index für 125 Länder und Gebiete

Dazu sammelten wir Daten aus 24 Gruppen sehr unterschiedlicher Studien, prüften ihre Vergleichbarkeit und erstellten 10 740 paarweise Vergleiche zwischen Ländern und Gebieten. Die Quellen reichten von Reaktionen auf Werbung und Fotos in sozialen Netzwerken über Porträts von Politikern und Führungskräften bis zu Beobachtungen von Servicepersonal und Passanten. In 19 Gruppen ließen sich mindestens zwei Länder oder Gebiete miteinander vergleichen. Selbst schwache Daten schlossen wir nicht aus, gaben ihnen aber weniger Gewicht. Keine Quelle erhielt ein Gewicht von null.

Mit dem statistischen Bradley-Terry-Modell fassten wir die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zu einer Rangliste zusammen. So entstand SOSI (Synthetic Observed Smiling Index), unser zusammenfassender Index des beobachteten Lächelns für 125 Länder und Gebiete. Ein Bericht von The Null Institute dokumentiert die Berechnung und das Ausgangsmaterial [4].

Die beiden Ranglisten stimmen in einigen Fällen überein, unterscheiden sich insgesamt aber deutlich: In unserem Lächel-Index liegt Österreich auf Platz 70, Deutschland auf Platz 73, die Schweiz auf Platz 91 und Finnland auf Platz 114. Ägypten steht an der Spitze, obwohl sein Ergebnis nur auf zwei Quellengruppen beruht: archivierten Reaktionen auf Werbung und ausgewählten Fotografien.

Je nachdem, wie wir die Verlässlichkeit der Quellen einschätzen und gewichten, verschieben sich die Platzierungen. Die Grafik zeigt deshalb nicht nur die endgültige Rangfolge, sondern auch, wie stark die Ergebnisse bei unterschiedlichen Quellengewichten schwanken.

MIKE’S BALANCE / DATENANALYSE33 Länder im Lächel-IndexWHR und unser Index. Linien = Gewichtungsbereich.FINNLANDWHR 1114VAEWHR 21106LANDRANGPLATZNR.1255075100125Ägypten1Panama2El Salvador3Südafrika4Chile5Großbritannien6Brasilien7USA8Nicaragua9Bolivien10Irland20Italien24Spanien42Rumänien44Portugal52Russland58Norwegen60Frankreich66Niederlande67Dänemark68Österreich70Deutschland73Schweden77Bulgarien79VAE106Südkorea112Lettland113Finnland114Mexiko119Japan122China123Indien124Indonesien125Rang im ModellGewichtungsszenarienIntervalle erfassen nicht alle Stichprobenfehler und Kulturunterschiede.Kein Maß für die Häufigkeit von Glück in der Bevölkerung.mikesbalance.com
33 Länder im Lächel-IndexDie Rangfolge hängt von der Gewichtung der Studien ab.LANDRANGNR.1255075100125Ägypten1Panama2El Salvador3Südafrika4Chile5Großbritannien6Brasilien7USA8Nicaragua9Bolivien10Irland20Italien24Spanien42Rumänien44Portugal52Russland58Norwegen60Frankreich66Niederlande67Dänemark68Österreich70Deutschland73Schweden77Bulgarien79VAE106Südkorea112Lettland113Finnland114Mexiko119Japan122China123Indien124Indonesien125Punkt: Rang im gewählten ModellLinie: Spannweite bei veränderten QuellengewichtenKein Konfidenzintervall der Bevölkerung. Das Modell misst keinen Anteil glücklicher Menschen.mikesbalance.com
Die Intervalle zeigen, wie empfindlich die Rangfolge auf unterschiedliche Studiengewichte reagiert. Es sind keine Konfidenzintervalle für die Häufigkeit des Lächelns in der Bevölkerung.

So lesen Sie die Grafik. Links steht Platz eins, rechts Platz 125. Der Punkt markiert die Position des jeweiligen Landes in unserem Index. Der Balken zeigt, wie sich diese Position bei unterschiedlichen Gewichtungen der Studien verändert; dargestellt sind die mittleren 90 % der berechneten Plätze. Das ist kein Konfidenzintervall für die Gesamtbevölkerung.

Für Finnland standen uns fünf Studiengruppen zur Verfügung. In 160 geprüften Varianten der Gewichtung erreichte das Land kein einziges Mal die Top 30.

Gesamte Tabelle öffnen: 125 Länder und Gebiete
Nr.Land / GebietModellwertStudiengruppenEinschränkung
1Ägypten84,992
2Panama80,252
3El Salvador75,042
4Südafrika74,562
5Chile73,922
6Vereinigtes Königreich73,898
7Brasilien73,524
8USA72,8012
9Nicaragua71,441Nur Fotos*
10Bolivien68,241Nur Fotos*
11Costa Rica67,951Nur Fotos*
12Argentinien67,823
13Venezuela66,941Nur Fotos*
14Guatemala65,221Nur Fotos*
15Pakistan64,483
16Nordmazedonien64,031Nur Fotos*
17Kasachstan63,701Nur Fotos*
18Ecuador63,232
19Fidschi60,511
20Irland60,385
21Luxemburg60,083
22Moldau59,582
23Niederländische Antillen59,491Nur Fotos*
24Italien59,486
25Puerto Rico58,872
26Paraguay58,562
27Dominikanische Republik58,261Nur Fotos*
28Island57,742
29Libanon56,681Nur Fotos*
30Uruguay56,681Nur Fotos*
31Laos56,591Nur Fotos*
32Serbien55,472
33Kirgisistan55,131Nur Fotos*
34Honduras55,032
35Ukraine55,031Nur Fotos*
36Kolumbien54,972
37Albanien54,931Nur Fotos*
38Malta54,892
39Angola54,731Nur Fotos*
40Türkei54,631Nur Fotos*
41Peru54,472
42Spanien54,467
43Israel54,343
44Rumänien53,073
45Kanada52,903
46Australien52,754
47Belgien52,744
48Malaysia52,483
49Myanmar52,181Nur Fotos*
50Ghana52,081Nur Fotos*
51Usbekistan51,661Nur Fotos*
52Portugal51,613
53Aruba51,351Nur Fotos*
54Bosnien und Herzegowina51,241Nur Fotos*
55Bahamas50,821Nur Fotos*
56Armenien50,721Nur Fotos*
57Zypern50,433
58Russland50,154
59Trinidad und Tobago49,981Nur Fotos*
60Norwegen49,872
61Brunei49,771Nur Fotos*
62Taiwan49,545
63Belarus49,241Nur Fotos*
64Kenia48,792
65Tunesien47,661Nur Fotos*
66Frankreich47,468
67Niederlande47,444
68Dänemark47,315
69Vietnam46,972
70Österreich46,634
71Barbados46,621Nur Fotos*
72Aserbaidschan46,511Nur Fotos*
73Deutschland46,508
74Slowenien46,354
75Irak45,991Nur Fotos*
76Griechenland45,543
77Schweden45,446
78Jamaika45,371Nur Fotos*
79Bulgarien45,203
80Georgien45,092
81Marokko45,092
82Slowakei44,872
83Nepal44,661Nur Fotos*
84Britische Jungferninseln44,561Nur Fotos*
85Bangladesch44,042
86Monaco43,851Nur Fotos*
87Tschechien43,825
88Philippinen43,792
89Tansania43,551Nur Fotos*
90Jordanien43,251Nur Fotos*
91Schweiz43,194
92Sri Lanka42,861Nur Fotos*
93Litauen42,843
94Palästina42,761Nur Fotos*
95Kroatien41,343
96Neuseeland41,172
97Thailand41,113
98Montenegro40,951Nur Fotos*
99Estland40,573
100Singapur40,233
101Mauritius40,221Nur Fotos*
102Andorra40,131Nur Fotos*
103Katar40,131Nur Fotos*
104Kambodscha39,171Nur Fotos*
105Oman38,991Nur Fotos*
106Vereinigte Arabische Emirate38,642
107Macau38,552
108Nigeria38,192
109Saudi-Arabien38,132
110Bahrain37,671Nur Fotos*
111Iran37,671Nur Fotos*
112Südkorea37,146
113Lettland37,103
114Finnland36,615
115Malediven36,221Nur Fotos*
116Vatikanstadt36,221Nur Fotos*
117Kuwait36,151Nur Fotos*
118Ungarn35,663
119Mexiko35,414
120Hongkong34,694
121Polen28,336
122Japan26,048
123China23,929
124Indien21,124
125Indonesien19,253

* Bei Zeilen mit „Nur Fotos“ beruht der Ländervergleich auf einer einzigen Gruppe von Instagram-Materialien. Die Werte entstehen durch eine Umrechnung der Modellkoordinaten; sie sind keine gemessenen Prozentanteile lächelnder Menschen. Quelle: Forschungsbericht des The Null Institute.

Warum selbst ein Lächeln ohne Gegenüber nicht alles verrät

Selbst wenn wir für alle Länder gleich gute Daten hätten, bliebe eine weitere Frage: Bedeutet die gleiche Häufigkeit des Lächelns auch das gleiche Maß an Glück? Vielleicht drücken Menschen in verschiedenen Kulturen ihre Gefühle einfach unterschiedlich aus. Talhelm, Oishi und Zhang [5] beobachteten Menschen, die allein auf Universitätsgeländen in den USA und in China unterwegs waren. In den USA lächelten 29,1 % der Passanten, in China lediglich 3 %. Der Unterschied war also fast zehnfach.

FELDBEOBACHTUNG

Und wenn niemand hinsieht?

Auf Universitätsgeländen in den USA und China beobachteten Forschende Passanten, die allein unterwegs waren. So viele von ihnen lächelten:

USA

29,1%

China

3%

Ein fast zehnfacher Unterschied, obwohl die Passanten allein gingen.

Möglicherweise zeigt ein Lächeln kulturelle Gewohnheiten ebenso wie inneres Glück. Es handelt sich um lokale Beobachtungen, nicht um repräsentative nationale Schätzungen.

Diese Beobachtung widerlegt die allzu einfache Vorstellung, Amerikaner lächelten nur, um ihrem Gegenüber freundlich zu begegnen.

Allerdings zeigten unterschiedliche Methoden mitunter ähnliche Unterschiede zwischen Ländern: Reaktionen auf Werbung und Instagram-Fotos ergaben teilweise ein vergleichbares Bild. Für 31 Länder, die in beiden Datensätzen vorkamen, betrug die Spearman-Korrelation 0,42 (p = 0,020; statistisch signifikant). Das lässt vermuten, dass beide Methoden ein gewisses gemeinsames Signal erfassen. Ob dieses Signal tatsächlich mit Glück zusammenhängt, bleibt offen.

Ein einzelner gelungener Vergleich macht den gesamten Index noch nicht verlässlich. Für 50 Länder und Gebiete hatten wir nur eine einzige Gruppe von Fotomaterial, die sich überhaupt für Vergleiche eignete. Wir führten 17 Vergleiche zwischen unabhängigen Studiengruppen durch, die Daten zu denselben Ländern enthielten. Der Median der Übereinstimmung in der Richtung der Unterschiede lag bei lediglich 59,1 %. Das reicht nicht aus, um unsere synthetische Rangliste zu einem verlässlichen internationalen Maßstab für menschliches Glück zu erklären.

Aus einem Lächeln auf Glück zu schließen, erwies sich als viel schwieriger als anfangs gedacht. Dennoch sind wir überzeugt: Der World Happiness Report sagt über das tatsächlich erlebte Glück noch weniger aus.

Wo leben die schnellsten Läufer der Welt? Eine Umfrage gibt Antwort

Angenommen, wir möchten herausfinden, in welchem Land die schnellsten Läufer der Welt leben. Statt Rennen zu veranstalten und Zeiten zu stoppen, befragen wir die Menschen: „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Laufleistung auf einer Skala von null bis zehn?“

Wir berechnen den Durchschnitt, erstellen eine Rangliste und veröffentlichen den World’s Fastest Runners Report. Die Medien melden: „Land mit den schnellsten Läufern der Welt gekürt!“ Der Premierminister von Liliput erklärt feierlich, in seinem Land lebten die schnellsten Läufer der Welt. Dabei haben wir die Geschwindigkeit keines einzigen Menschen gemessen.

Die Befragung kann methodisch tadellos sein. Doch die Zufriedenheit mit der eigenen Laufleistung ist nicht dasselbe wie die Laufgeschwindigkeit. Der Fehler steckt nicht in den Zahlen, sondern in der Bezeichnung des Ergebnisses.

Genau darum geht es auch beim Wort „Glück“ im World Happiness Report.

(Falls Ihnen das Beispiel mit den Läufern konstruiert erscheint, gibt es einen realen Fall: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weist darauf hin [6], dass Menschen in Japan und Südkorea ihre Gesundheit vergleichsweise negativ beurteilen, obwohl sie länger leben als die meisten Menschen in OECD-Ländern. Solche Selbsteinschätzungen hängen auch von kulturellen Normen und der Formulierung der Antwortskala ab.)

Das Glück, nach dem niemand gefragt hat

Die Hauptrangliste des WHR 2026 basiert auf Antworten zur sogenannten Cantril-Leiter. Dabei stellt sich jeder Befragte sein bestmögliches und sein schlechtestmögliches Leben vor und ordnet sein derzeitiges Leben auf einer Skala von null bis zehn ein. Anschließend werden die Ergebnisse repräsentativer Befragungen aus drei Jahren gemittelt. Das Wort „Glück“ kommt in dieser Frage nicht einmal vor. Darauf weist auch das offizielle FAQ ausdrücklich hin [7].

ANATOMIE EINER SCHLAGZEILE

Wie wird eine Lebensbewertung zu „Glück“?

SCHRITT 1 · GALLUP-FRAGE

„Auf welcher Stufe der Leiter zwischen dem schlechtestmöglichen und dem bestmöglichen Leben stehen Sie?“

SCHRITT 2 · AUSWERTUNG

Durchschnittliche Bewertung des eigenen Lebens über drei Jahre.

SCHRITT 3 · ÖFFENTLICHE SCHLAGZEILE

„Finnland ist das glücklichste Land der Welt.“

An welcher Stelle wurde aus der Bewertung des Lebens eine Messung des Glücks?

Den Unterschied zwischen der Bewertung des eigenen Lebens und dem erlebten Glück haben wir bereits im Artikel „Kann ein Land Sie glücklicher machen?“ behandelt. In unserem Umzugsrechner erklären wir zudem, warum ein Spitzenplatz eines Landes in einem Ranking nicht automatisch vorhersagt, wie glücklich jemand nach einem Umzug dorthin sein wird. Hier interessiert uns jedoch etwas anderes: Warum haben die Autoren des WHR gerade diesen Titel gewählt?

Die Autoren beantworten diese Frage in Kasten 2.2 des WHR 2026 [8] selbst: Das englische Wort happiness bezeichnet sowohl ein Gefühl als auch die Bewertung des eigenen Lebens. Letztere halten sie für die Analyse der Lebensqualität für geeigneter.

Es handelt sich also nicht um einen Übersetzungsfehler. Die WHR-Autoren verwenden bewusst die bewertende Bedeutung von happiness, und dafür gibt es wissenschaftliche Gründe. Wer jedoch die Schlagzeile „Finnland erneut das glücklichste Land der Welt“ liest, könnte daraus schließen, die Finnen empfänden häufiger Freude als andere Menschen. Die Hauptrangliste des WHR untersucht das nicht: Sie vergleicht die Bewertung des eigenen Lebens. Außerhalb des wissenschaftlichen Berichts geht dieser Unterschied leicht verloren.

EIN REALES BEISPIEL

Wie eine wissenschaftliche Rangliste zum politischen Slogan wird

Am 20. März 2025 schrieb Finnlands Außenministerin Elina Valtonen auf X:

Finnlands Außenministerin Elina Valtonen bezeichnet Finnland in einem X-Beitrag vom März 2025 unter Berufung auf den World Happiness Report als glücklichstes Land der Welt.
Elina Valtonen zum World Happiness Report 2025: Beitrag auf X vom 20. März 2025. Klicken Sie, um den Screenshot zu vergrößern.

Aus dem Beitrag der Ministerin lässt sich allerdings nicht ableiten, ob sie die Methodik des WHR kennt.

Geld, Glück und die Vereinigten Arabischen Emirate

Warum spielt der Name einer Rangliste überhaupt eine Rolle? Weil ihre Ergebnisse längst über die Wissenschaft hinausreichen und Regierungen gute Platzierungen als Beleg für den Erfolg ihrer Politik nutzen. In Finnland äußerte sich die Außenministerin öffentlich zur Rangliste. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ging man noch weiter: Dort machte der Staat Glück zum politischen Thema und finanzierte internationale Forschung dazu.

Im Dezember 2021 berichtete die Journalistin Mara Hvistendahl in The Intercept [9], dass das Sustainable Development Solutions Network, eine Organisation mit Verbindungen zum WHR-Herausgeber Jeffrey Sachs, von Einrichtungen der Vereinigten Arabischen Emirate mehrere Millionen Dollar für Forschung und internationale Aktivitäten zu Glück und Wohlbefinden erhalten hatte. In ihrer Recherche war von mindestens 3 Millionen US-Dollar die Rede; Sachs bestätigte der Journalistin den Umfang der Finanzierung.

Glück war inzwischen auch Teil der staatlichen Politik und des internationalen Images der Emirate geworden. 2016 wurde dort das Amt eines Glücksministers geschaffen; 2017 wurde das Ressort um das Thema Wohlbefinden erweitert.

Im WHR 2026 belegen die Vereinigten Arabischen Emirate weltweit Platz 21 und stehen unter den arabischen Staaten an erster Stelle. Am 24. März berichtete die staatliche Nachrichtenagentur WAM [10] stolz über dieses Ergebnis.

Die Begründung war jedoch falsch. Die Agentur nannte das Bruttoinlandsprodukt, die Lebenserwartung, die Freiheit und weitere Faktoren als Gründe für den hohen Rang der Emirate. Tatsächlich verwendet der WHR diese Faktoren lediglich zur Erklärung der Ergebnisse. Für die Platzierung zählen allein die Antworten darauf, wie die Befragten ihr Leben bewerten.

DOKUMENTIERTER WIDERSPRUCH

WAM erklärte den Rang mit Kennzahlen, die ihn gar nicht bestimmen

In ihrem Bericht über den Erfolg der Emirate führte die Agentur WAM Bruttoinlandsprodukt, Lebenserwartung, Freiheit, Großzügigkeit und Korruption als Faktoren an, die den Rang des Landes bestimmen.

Die Platzierung im WHR wird jedoch nicht aus diesen Faktoren berechnet. Sie dienen lediglich dazu, Unterschiede in der Lebensbewertung zu erklären. Der Rang ergibt sich aus den Antworten auf die Frage zur Lebensleiter.

Das ist ein nachprüfbarer Fehler in der öffentlichen Darstellung, kein Beleg für einen Eingriff in die Berechnung.

Hier tritt der Unterschied besonders deutlich hervor: Platz 21 für die Emirate im World Happiness Report 2026 steht Platz 106 in unserem experimentellen Index des beobachteten Lächelns gegenüber. Für die Emirate liegen uns nur zwei Quellenfamilien vor. Platz 106 darf deshalb nicht als verlässliche Einschätzung des Glücks ihrer Bevölkerung gelten. Der Vergleich zeigt dennoch, wie sehr das Bild davon abhängt, was als „Glück“ gilt und wie es gemessen wird.

Allerdings erschien der World Happiness Report erstmals 2012. Der Großteil der in der Recherche [9] genannten Spenden von Einrichtungen der Emirate an SDSN entfiel dagegen auf die Jahre 2017 bis 2021.

Von den aufgeführten Spenden aus den Emiraten floss mindestens 1 Million US-Dollar in die Arbeit des Global Happiness Council, der Empfehlungen für eine staatliche Glückspolitik erarbeitete [9]. Sein Bericht von 2019 wurde mit Unterstützung des Büros des Premierministers der Emirate bei einem internationalen Regierungsgipfel in Dubai vorgestellt. Die Emirate nutzten das Thema Glück also nicht nur für ihr eigenes Image, sondern finanzierten auch seine internationale Verbreitung.

Wie verlässlich ist unser eigener Index?

Im aufklappbaren Abschnitt erläutern wir die Daten, ihre Auswertung und die Grenzen unseres Index.

Forschungsmethode und ihre Grenzen

Der Lächel-Index von The Null Institute beruht auf einer eigenständigen Sekundäranalyse veröffentlichter Untersuchungen. Die 125 geografischen Einheiten sind nicht ausschließlich souveräne Staaten. Von 24 Gruppen des Ausgangsmaterials eignen sich 19 für direkte Ländervergleiche. Das Modell nutzt 10 740 abgeleitete paarweise Vergleiche, die keine 10 740 unabhängigen Beobachtungen einzelner Menschen darstellen.

Wir haben überprüft und bestätigt, dass sich die Berechnungen reproduzieren lassen. Bislang gibt es jedoch weder ein national repräsentatives Maß für die Häufigkeit des Lächelns noch einen belegten Zusammenhang mit dem langfristig erlebten Glück der Bevölkerung eines bestimmten Landes. Modellwerte zwischen 0 und 100 geben keine Prozentanteile lächelnder Menschen an. Die in der Grafik dargestellten Bereiche entstehen durch die Veränderung positiver Quellengewichte; sie bilden nicht die gesamte Beobachtungsunsicherheit ab.

Angaben zur vollständigen Methodik, zur Prüfung der Übereinstimmung zwischen Quellen, zu den Grenzen der Fotodaten und zur externen Überprüfung finden sich in einer Untersuchung von The Null Institute [4]. Dass sich einige unserer ursprünglichen Hypothesen nicht bestätigen ließen, verstehen wir als Forschungsergebnis, nicht als Anlass, sie zu verschweigen.

Wo Messung endet und Marketing beginnt

Wir haben zwei Wege untersucht, Glück zu beschreiben, und sind dabei auf zwei unterschiedliche Probleme gestoßen. Unser Lächel-Index erlaubt bislang keinen zuverlässigen Vergleich des Glücks von Menschen in unterschiedlichen Ländern. Der World Happiness Report misst die Bewertung des eigenen Lebens; in der Öffentlichkeit werden seine Ergebnisse jedoch zu Aussagen über das Glück ganzer Völker. Am Beispiel der Emirate zeigt sich, wie solche Aussagen Teil des staatlichen Images werden. Belege dafür, dass die Rangliste selbst manipuliert wurde, haben wir allerdings nicht gefunden.

Man kann die Antworten von Millionen Menschen vollkommen korrekt auswerten. Gibt man dem Ergebnis jedoch einen eindrucksvollen, aber irreführenden Namen, entsteht beim Leser ein falscher Eindruck davon, was tatsächlich gemessen wurde. Die Formulierung „glücklichstes Land der Welt“ verspricht mehr, als sich mit der zentralen Gallup-Frage feststellen lässt.

Quellen

  1. Ekman P., Davidson R. J., Friesen W. V. (1990). The Duchenne smile: emotional expression and brain physiology. II.
  2. Gardiner et al. (2022). What happy people do: The behavioral correlates of happiness in everyday situations.
  3. Poh M.-Z. et al. (2025). Smartphone monitoring of smiling as a behavioral proxy of well-being in everyday life. Google Research, Preprint arXiv:2512.11905.
  4. The Null Institute (2026). Can We Rank Countries by Smiling? An Audit of 125 Geographies and 24 Source Families.
  5. Talhelm T., Oishi S., Zhang X. (2019). Who smiles while alone? Rates of smiling lower in China than U.S.
  6. OECD (2025). Health at a Glance 2025: Self-rated health.
  7. World Happiness Report. Frequently Asked Questions: How the rankings are calculated.
  8. Helliwell et al. (2026). International evidence on happiness and social media, Chapter 2, World Happiness Report.
  9. Hvistendahl M. (2021). The Intercept: Investigation of UAE funding for happiness research.
  10. Emirates News Agency (WAM) (2026). UAE ranks first in Arab world and 21st globally in World Happiness Report.